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Aktuelles

Wahl-Blog 2017: Schräges Englisch, klares Deutsch

Wolfgang Schäuble traut sich was

Auf dem Landesparteitag der CDU in Baden-Württemberg ist Wolfgang Schäuble mit knapp 96 % der Delegierten-Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl in Baden-Württemberg gewählt worden. Zum achten Mal.

Ein Mann, der für Kontinuität, Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen und vor allem deutliche Worte steht – auch, wenn die in englischer Sprache nicht ganz so treffsicher sind wie in seiner Muttersprache: dem Badischen. Und mancher mag sich fragen, was Wolfgang Schäuble mit dem ein oder anderen englischen Satz wohl hat sagen wollen. Sein eigenwillig formuliertes Ultimatum

„28. 24 Uhr isch over!“

(auf Deutsch: „Am 28. um 24 Uhr läuft das Ultimatum ab!“) in der Griechenlandkrise hat ihn nicht gerade mit Kompetenz-Lorbeeren geschmückt.

Auch das deutsche Zitat „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“ erntet auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang des Jahres mit seiner Übersetzung

„you never eat as hot as it is cooked“

viele peinlich berührte Schmunzler.

Doch trotz mäßigem Englisch: Wolfgang Schäuble wird verstanden, seine Kompetenz steht in Europa außer Frage. Sein Wort hat Gewicht. Warum? Weil er Klartext redet. Zumindest in Deutsch: Keine Schnörkel in der Wortwahl, keine Schleifchen im Satzbau, kein Weichspülen von Formulierungen.

Als dienstältestes Mitglied der Regierung scheint er sich keinen Kopf darüber zu machen, was andere von ihm denken, wenn er sagt, was er denkt. Hier ein paar Beispiele:

„Wenn Frau Le Pen Ministerpräsidentin von Frankreich würde und wenn Sie das macht, was sie ankündigt, dann wäre die europäische Union in einer existentiellen Krise.“

„Der Brexit wird wahrscheinlich ein bisschen länger dauern, die Briten werden schon noch sehen, was sie da entschieden haben.“

„In Griechenland ist das Problem, dass sich Griechenland einen höheren Lebensstandard leistet als Griechenland erwirtschaftet.“

(alles aus „Maischberger“, Das Erste 8.2.2017)

Die Welt in einem Satz erklären, das ist es, was Wolfgang Schäuble besonders gut kann und gerne macht. Und weil wir Zuschauer jeden Satz so einfach verstehen, fühlen wir uns auf Augenhöhe mit einem „Experten“, der die Geschicke der Weltpolitik lenkt. Er macht uns Zuschauer groß, er macht uns kompetent, weil wir glauben zu verstehen, wie Weltpolitik funktioniert.

Denn das Geheimnis der Klarheit lautet: Machst Du es klar, dann wird es einfach. Ist es einfach, wirst Du verstanden. Wirst Du verstanden, dann bleibst Du im Kopf. Es wird merk-würdig, im besten Sinne von „zu merken würdig“.

Wir dürfen also gespannt sein, wie Wolfgang Schäuble den Wahlkampf bestreitet und ob er es schafft, das Wahlprogramm der CDU ebenfalls in wenigen Sätzen so klar und schnörkellos zu beschreiben, wie die Kampfansage an den bisherigen Koalitionspartner SPD:

"Jetzt haben wir so nett mit der SPD regiert. Jetzt sollten wir ihr auch den Gefallen tun und sie wieder in die Opposition schicken."

(Landesparteitag 25.3.2017).

Mal sehen, ob es am Abend des 24. September dann heißt: „coalition isch over“ oder „you never eat as hot as it is cooked“.

Getroffene Hunde bellen

Warum „nichts sagen“- vor allem in kritischen Kommunikationssituationen - mehr sagt als man sagen will, zeigt der Landtagsabgeordnete Klaus Kaiser von der CDU in einem „Dialog“ mit einem Journalisten.

Report Mainz vom 7.3.2017. Es geht im Bericht um mögliche verfassungswidrige Zulagen von Abgeordneten. Der Bericht beginnt ungewöhnlich. Gleich das erste Bild zeigt, wie der Report Mainz Redakteur mit dem Mikrofon in der Hand den CDU Landtagsabgeordneten Klaus Kaiser anspricht. „Hallo Herr Kaiser, mein Name ist Achim Reinhardt von Report Mainz...“ Netter Tonfall, freundliche Ansprache - der Abgeordnete Kaiser wendet sich lächelnd dem Reporter zu, wittert sichtlich die Chance, ein Statement abzugeben. Doch dann kommt, womit Herr Kaiser nicht gerechnet hat: „… ich hätte nochmal eine Frage zu den Fraktionszulagen. Sie kriegen ja eine Zulage von der Fraktion, in welcher Höhe denn?“ Schon während der Frage klappt dem Abgeordneten die Kinnlade herunter und er dreht sich weg, den Rücken zur Kamera, während der Reporter freundlich, aber bestimmt weiterfragt: „Warum wollen Sie das denn nicht sagen, wie hoch die Höhe ist?“. Herr Kaiser schweigt und beginnt, sich mit einem Parteikollegen zu unterhalten.

Schnitt. Der Beitrag läuft weiter. Klaus Kaiser wird portraitiert, sein monatliches Einkommen dargestellt und erwähnt, dass er außerdem Zuzahlungen erhält, über die er sich nicht äußern will.

Schnitt: Klaus Kaiser versucht, den lästigen Reporter los zu werden, beendet das Gespräch mit dem Parteikollegen und will flüchten. Doch Reporter Achim Reinhardt folgt ihm. „Nochmal die Frage, Herr Kaiser, nach Ihrer Funktionszulage, wie hoch ist die denn?“. Jetzt dreht sich Klaus Kaiser wütend um und schreit den Redakteur an und zeigt drohend Richtung Linse: „Machen Sie das Ding aus!“ Die Szene läuft weiter. Man sieht Klaus Kaiser mit bösem Blick weiterlaufen. Der Sprecher des Beitrags kommentiert: „Geheimnis-Krämerei um Boni aus Steuergeld?“.

Der Beitrag beinhaltet noch viele weitere entlarvende Nicht-Kommentare von Politikern aller Couleur zum Thema Funktionszulage. Sie alle machen keine gute Figur, hinterlassen aber keinen so bleibenden Eindruck bei uns Zuschauern wie Klaus Kaiser.

Klaus Kaiser hat sich provozieren lassen. Zu stark die Geste der Getroffenheit, der Überraschung, zu heftig der Angriff auf den Reporter, mit dem wir als Zuschauer längst eine Allianz gebildet haben.

Die Rechnung des Reporters ist aufgegangen: Dem Hund mal einen Tritt verpassen und schauen, was passiert. Denn getroffene Hunde bellen und zwar laut.

Was hätte Herr Kaiser besser machen können? Am besten drei Regeln beachten:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick). Non verbale Kommunikation sagt oft mehr als 1000 gesprochene Worte, abwehrende Gesten und böse Blicke gehören dazu. Und vor allem sollte man sich davor hüten, nichts zu sagen, wenn man im ersten Moment bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Denn wenn man nicht selbst etwas sagt, wird etwas über einen gesagt.
     
  2. Impulskontrolle üben, denn man weiß nie, wo und in welchem Zusammenhang solche Aufnahmen verwendet werden. Der sichtbare „Angriff“ auf „die Medien“ ist genau das, was investigative Journalisten provozieren und Zuschauer sehen wollen: Ein nonverbales Geständnis.

    Natürlich muss – nein sollte man in einer solchen Situation kein künstliches Zahnpasta-Lächeln auflegen, denn weglächeln lassen sich solche kritischen Themen definitiv nicht. Aber wenigstens im respektablen Dialog bleiben. Drohungen, Angriffe, beleidigtes, wütendes Flüchten wird seitens der Medien gern mit passenden Kommentaren versehen und lässt den Befragten als „Täter“ erscheinen. Besonders dann, wenn der Redakteur die freundliche Fragestellung glänzend beherrscht.
     

  3. Und schließlich wäre es sinnvoll, Verständnis für die Frage des Journalisten zu signalisieren und ggf. im Allgemeinen auf das Thema zu antworten. Christian Lindner von der FDP - ebenfalls im Beitrag befragt - macht es vor, wie das geht: Er hebt das Thema zunächst einmal auf eine andere Ebene und spricht zum Thema Fraktionszulage einfach darüber, was seine Sicht zum Thema leistungsgerechte Vergütung im ALLGEMEINEN ist. „Ich halte es absolut für angemessen, dass zusätzliche Verantwortung auch zusätzlich vergütet wird. Das ist bei jedem Bürgermeister so…“ Natürlich ist auch das eine Flucht vor der konkreten Antwort, aber wesentlich charmanter gelöst und vor allem, ohne sein Gesicht zu verlieren und ohne damit negativ im Gedächtnis zu bleiben.

Hier finden Sie den Ausschnitt aus der Sendung.

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